17.11.2014 Podiumsdiskussion des CSU-Stadtverbandes und des Arbeitskreises Schule, Bildung und Sport

Der Abend mit vielen interessierten Zuhörern widmete sich der „Inklusion Bildung“, einem hochaktuellen Thema, das alle Bildungssphären und politischen Ebenen tangiert, wie Stadtverbandsvorsitzender Robert Renker in seinem Begrüßungswort betonte. Ziel war, so der Arbeitskreisvorsitzende Siegfried Wohlmann, eine breit gefächerte Information zur Definition, zum Ursprung und zur Theorie und Praxis. Vorhandene Ansätze wurden kritisch beleuchtet, Standorte bestimmt und Vorschläge zur Verbesserung der Situation eingebracht.

Am Podium saßen Stefan Pruy, Jugendamtsleiter, Birgit Gärtner, Kindergartenleiterin, Jochen Hegel, Konrektor an der Inklusionsschule Deining, Jens Kratzer als Vater, Ulrich Reuter aus Nürnberg, Rektor eines der größten privaten Förderzentren in Bayern, Helmut Lahner, Realschuldirektor i. R. und als Moderator Siegfried Wohlmann, Rektor i. R.

Inklusion sei sehr viel mehr als ein pädagogisches Zauberwort, es sei der Traum von der gemeinsamen Beschulung von behinderten und nicht behinderten Kindern, einer gemeinsamen Lebenswelt vom Kleinkindalter an über die Schulzeit und Jugend hinaus bis ins hohe Erwachsenenalter, so Wohlmann in seinem Eingangsstatement. So gesehen, sei Inklusion Wesensmerkmal einer entwickelten demokratischen Gesellschaft ohne Diskriminierung und für optimale Lebensverhältnisse für alle Menschen. Sie stelle einen weit höheren Anspruch dar als die Forderung nach Integration, „die unsere Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg bei der Bildung z. B.  gegenüber den Migrantenkindern sträflich vernachlässigt hat.“

Die Inklusion als Merkmal einer Schulwende werde wie die Energiewende Jahrzehnte dauern. Anders in fast allen OECD-Ländern: Italien, Schweden oder Norwegen hätten einen Inklusionsanteil von über 90 Prozent. In Kanada, den USA oder Frankreich liege die Quote fast dreimal so hoch wie in Deutschland. So bestehe ein eklatanter Nachholbedarf, einschließlich der notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen. Im Übrigen müsse für alle Schularten bereits während des Studiums inhaltlich die Inklusion intensiv vermittelt und während des Berufs die Weiterbildung eine zentrale Rolle einnehmen, forderte der Vorsitzende.

Ulrich Reuter berichtete über die Praxis an seinem Förderzentrum, das den Weg der kooperierenden Systeme geht > Regelschule plus Förderschule, gemeinsamer Unterricht und Einzelintegration mit mobilen sonderpädagogischen Hilfen. Inklusion habe nur dann Sinn, so lange eindeutige Unterstützung existiere. Er stellte klar, dass Regelschulkinder beim Lernen nicht gebremst würden, auch auf der Basis wissenschaftlicher Begleitung. Die soziale Normalität zwischen den Beteiligten, die Heterogenität und Vielfalt seien bewundernswert. In Planung sei ein Inklusionscampus mit Krippe, Kindergarten, Grundschule und Partnerschulen. Um die Qualität erhalten zu können, sind Angebote der Nachmittagsbetreuung von größter Bedeutung. Teamarbeit sei essentiell und das Fundament jeden Gelingens. Kritisch merkte Reuter an, dass die rechtliche und administrative Seite die Inklusion ausbremsen würden. Dazu zählte er komplizierte Genehmigungsverfahren, hohe Belastung der Beteiligten durch überbordende Bürokratie, die personelle Fluktuation, inhaltliche Grenzen und Leistungsdruck. „Inklusion ist unteilbar“, lautete seine Überzeugung.

Die Sichtweise von Birgit Gärtner: „Inklusion verlangt eine globalere Betrachtung. Dazu gehören Migrantenkinder, Hochbegabte und Entwicklungsverzögerte.“ Das Personal im Kiga-Bereich erhalte keine adäquate Ausbildung für die Inklusion, Fachkräfte müssten extern beigebracht werden. Alle Kinder würden gegenseitig profitieren. Ausreichend Räume, kleine Gruppen, gut ausgebildetes Personal und der Abbau von bürokratischen Hemmnissen waren ihre Forderungen, um der großen Aufgabe gerecht zu werden.

Die Grund- und Mittelschule Deining sei die einzige Inklusionsschule im Landkreis, wie Konrektor Jochen Hegel ausführte. Man gehe den Weg der Profilschule. Teils sind bis zu drei Lehrkräfte gleichzeitig in einer Klasse. Dies bedeute einen hohen organisatorisch-zeitlichen Aufwand. Dennoch würden der Schule keine weiteren Stunden zugestanden außer 26 Sonderschulstunden und 20 Stunden im Team. Mit Inkrafttreten des neuen Lehrplans sei eine Erhöhung des Materialbedarfs zwangsläufig. Ebenso kritisch sah er die fehlende Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte, die gleichsam „experimentieren müssten“, was der Aufgabe nicht gerade zuträglich sei. Die Zuteilung von Lehrkräften ohne Rücksprache sei fragwürdig. Die motivierten Lehrer arbeiteten an der Grenze der Belastbarkeit. Unterstützung gerade durch die Politik sei zwingend notwendig. Als grenzwertig  bezeichnete Hegel die Situation am Schuljahresende, wenn es in die Nähe des Übertritts gehe.

Jens Kratzer hat seine Tochter in einer regulären Grundschule einschreiben lassen, da er von vielen Seiten ein positives Feedback erhalten habe. Seiner Überzeugung nach steht und fällt Inklusion mit der Initiative der einzelnen Beteiligten. Die Kinder untereinander hätten keine Probleme. Die Kooperation zwischen Eltern, Schulleitung und Lehrkräften sei sehr gut. Inklusion könne bei den aktuellen Rahmenbedingungen nur individuell gestaltet werden. Für „Inklusionskinder“ existiere an der Schule seiner Tochter ein Förderplan, der wöchentlich auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten wird. Als Problem sehe er, dass es keine entsprechenden Fortbildungsangebote in ausreichendem Maße gebe. „Inklusion fängt im Kopf an“, gab er allen Zuhörern mit.

„Die derzeitige Strategie der Regierung widerspricht dem Konzept der Inklusion“, wurde Stefan Pruy deutlich. Der Leiter des Neumarkter Jugendamts sprach von einem schlagartig gestiegenen Bedarf an Schulbegleitung seit 2010. Das Jugendamt sei insbesondere für Autisten zuständig, wobei die Anspruchshaltung vieler Eltern nicht zu erfüllen sei. Zunächst sei die Schule gefordert. Inklusion sei Aufgabe des Freistaates Bayern, wie Pruy richtig betonte. Seine Forderung: Systemschulen müssten in die Lage versetzt werden, Inklusion zu gewährleisten. Dafür müssten alle Ressourcen erhöht werden, war er sich mit allen Podiumsdiskussionsteilnehmern einig. Schließlich warnte er noch vor Musterklagen. Für die wahre Inklusion brauche man generell andere „Vorzeichen“.

Helmut Lahner, langjähriger Stadt- und Kreisrat, setzte Förderzentren gleich Kompetenzzentren, die nicht mit der Regelschule zu vergleichen seien. Solange Bildungsabschlüsse den derzeit immens hohen Stellenwert hätten, könne er Eltern verstehen, die ihre Kinder nicht an eine Regelschule gäben. Inklusion bei körperlicher Beeinträchtigung bereite nach seiner Erfahrung als ehemaliger Realschuldirektor keine Schwierigkeiten, in anderen Fällen sei sie nur eingeschränkt zu gewährleisten. Hier seien viel mehr Fachleute einzusetzen.

Auf Grund der Übertrittsbestimmungen sei eine Standortbestimmung auf dem Weg weg von der Grundschule extrem problematisch. Förderschulen sah er weiterhin, zumindest mittelfristig, als notwendige Einrichtung an.

Eine intensive Diskussion bewies nicht nur das allgemeine Interesse, sondern auch die Absicht der Eigeninformation und Möglichkeit des Einbringens von Vorschlägen.

Der AKS-Vorsitzende beschloss den wertvollen Beitrag zur aktuellen Schulpolitik neben dem herzlichen Dank für die Aussagekraft und Kompetenz der Teilnehmer am Podium mit dem Hinweis auf einen Antrag der CSU-Landtagsfraktion, wonach die Staatsregierung aufgefordert wird, Vorschläge zur Umsetzung der Eckpunkte der Arbeitsgruppe „Förderschulen und Inklusion“ und eine Abschätzung der Kosten  zu erarbeiten.

Robert Renker gab in seinem Schlusswort allen mit auf den Weg, auch künftig aufgeschlossen zu sein für Belange, die gesamtgesellschaftlich von hoher Relevanz sind.

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